
»Die Kraft des Theaters im Krisengebiet«
Interview mit der Regisseurin Mascha Pörzgen
Sie inszenieren in der Werkstatt des Schillertheaters Viktor Ullmanns Oper »Der Kaiser von Atlantis« mit jungen Sängern aus dem Opernstudio der Staatsoper. Wie viel haben Sie schon im Vorfeld festgelegt und wie viel Freiraum für spontane Veränderungen haben die Nachwuchssänger in ihrer Produktion?
Mascha Pörzgen: Wir haben zuvor seit über einem Jahr in mehreren Workshops szenisch verschiedene Arien, Einzel- und Ensembleszenen aus dem gängigen Opernrepertoire erarbeitet, die teilweise in Konzerten oder auch vor Gästen aufgeführt wurden. Da ging es darum, möglichst selbstständig spielerisch Lösungen zu finden oder Szenen zu entwickeln. Beim »Kaiser von Atlantis« halte ich die Zügel etwas straffer in der Hand. Im September haben wir bereits eine Woche geprobt, um das Stück kennen zu lernen. Ich habe dafür einen eher spielerischen Ansatz gewählt, und wir konnten Szenen ausprobieren, eine Linie finden. Es ist ein großer Vorteil, dass wir uns schon gut kennen. Da ist ein Grundvertrauen entstanden, das Freiräume schafft. »Der Kaiser von Atlantis« ist spielerisch und gesanglich eine große Herausforderung. Die Rollen sind sehr anspruchsvoll und auch für erfahrene Sänger durchaus nicht einfach zu bewältigen.
Was können die jungen Sängerinnen und Sänger, wenn Sie ins Opernstudio der Staatsoper kommen, und was können sie noch nicht? An den Musikhochschulen achten sie vor allem auf die Stimme, entstehen dadurch Defizite in anderen Bereichen?
Mascha Pörzgen: Das ist wirklich individuell verschieden. Je nachdem, wo sie ausgebildet wurden, welchen kulturellen Hintergrund sie haben. Während des Studiums sind alle noch sehr auf ihre Gesangstechnik konzentriert, parallel dazu findet die szenische Ausbildung statt, und es ist eine große Herausforderung, dies alles zu verknüpfen. Die Stipendiaten des Opernstudios haben alle ein abgeschlossenes Gesangsstudium und können nun mit einer stabileren gesanglichen Basis ihre schauspielerischen Fähigkeiten weiterentwickeln, in enger Anbindung an die Praxis. Das Opernstudio bildet die Scharnierstelle zwischen Studium und Beruf. Hier kann man noch etwas ausprobieren und wagen, kann mit den eigenen Möglichkeiten herumspielen, parallel dazu sind die Stipendiaten durchaus schon in Produktionen der Staatsoper eingebunden.
In Viktor Ullmanns Oper »Der Kaiser von Atlantis« verweigert der Tod die Arbeit, weil er die Willkürherrschaft des Kaisers Overall nicht weiter unterstützen will. Nun leben zwar alle Menschen weiter, aber auch alles Leid dauert ewig. Es kommt zu Aufständen, der Tod nimmt seine Arbeit wieder auf, aber nur unter der Bedingung, dass der Kaiser sein erstes Opfer wird. Was wollen und können Sie mit dieser parabelhaften Handlung heute noch zeigen?
Mascha Pörzgen: Wenn das Leiden gar kein Ende mehr hat und keine Hoffnung auf Erlösung - und sei es durch den Tod - besteht, erst dann haben die Menschen die Kraft, sich tatsächlich zu wehren. Sich das im Konzentrationslager Theresienstadt auszudenken und die eigene Situation ironisch zuzuspitzen hat eine ungeheuer große theatrale Kraft. Diese Groteske erinnert an die Stücke von Bert Brecht, ist sehr grausam und sehr klar. Die Künstler haben die Uraufführung nicht erlebt. Sie wurden nach der Generalprobe nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Der einzige Überlebende war der Darsteller des Todes.
Die Entstehungsgeschichte ist schrecklich, aber führt die Betonung der Entstehungsumstände nicht auch zu einer Verkleinerung des Kunstwerks?
Mascha Pörzgen: Es ist nicht möglich, diese Oper ohne das Umfeld seiner Entstehung zu betrachten. Dennoch geht es mir nicht um eine Historisierung oder darum, eine gefühlige Betroffenheit beim Publikum zu erreichen. Eher darum, etwas von der Kraft zu erspüren, die Menschen in solch extremen Situationen aus dem Theaterspiel gewinnen können. Unser Ansatz ist es zu schauen, wie das Stück entstanden ist und wie die Künstler damals improvisiert haben könnten. Was kann eine Trommel sein, wenn man im Lager eingesperrt ist? Wie schafft man sich eine Uniform? Die Figuren sind abstrakt, symbolisch, bieten keine Identifizierung, sind Spielfiguren: der Tod, Harlekin, der Trommler, der Lautsprecher, der Kaiser, der Soldat. Das Stück ist aus sich heraus ungeheuer stark. Es hat so viel Spielfreude, Witz und Kraft. Diese Kraft ist sehr politisch, es ist die Kraft des Theaters im Krisengebiet. Das Erstaunliche daran ist für mich vor allem, daß dies dennoch komplexes Musiktheater ist!
Die Aufführung findet in der Werkstatt des Schiller Theaters statt. Wie nutzen Sie den Raum?
Mascha Pörzgen: Wir haben eine Guckkastenlösung gewählt. Wir bespielen den Raum nicht über die gesamte Breite, sondern in einer Richtung. Es gibt eine leicht gekippte Wand mit Durchbrüchen, das Orchester sitzt auf einer Galerie. Die Publikumsplätze sind parallel dazu angeordnet. Wir wollten eine möglichst hohe Konzentration erreichen, zumal die Oper fast nur aus Kammerspielszenen besteht. Das Publikum soll die bedrohliche Situation der Entstehung und des Stücks schon spüren.
Das Interview führte Uwe Friedrich für classiccard.de
DER KAISER VON ATLANTIS












