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21. Januar 2010

Der ferne Klang

Oper von Franz Schreker

Die Uraufführung von »Der ferne Klang« 1912 in Frankfurt am Main machte den Komponisten mit einem Schlag berühmt. Mit diesem Werk galt Schreker (1878-1934) als Vertreter einer neuen Idee vom Musiktheater, unabhängig von Richard Wagner. Die musikalische ...

Die Uraufführung von »Der ferne Klang« 1912 in Frankfurt am Main machte den Komponisten mit einem Schlag berühmt. Mit diesem Werk galt Schreker (1878-1934) als Vertreter einer neuen Idee vom Musiktheater, unabhängig von Richard Wagner. Die musikalische Avantgarde begriff ihn als einen der ihren.
»Der ferne Klang« erzählt in drei Stationen die Geschichte einer jungen Frau. Im ersten Akt wird Grete von dem Musiker Fritz verlassen und beschließt zu sterben. Doch ein mystisches Naturerlebnis bewahrt sie vor dem Tod. Der zweite Akt spielt zehn Jahre später. Grete ist nun der umschwärmte Star eines Edelbordells in Venedig. Die Erinnerung an ihre Jugendliebe ist Traum einer fernen Vergangenheit. Doch plötzlich erscheint Fritz. Als er erkennt, dass Grete zur Prostituierten geworden ist, wendet er sich erneut von ihr ab. Der dritte Akt spielt noch einmal fünf Jahre später. Grete hat nach der erneuten Enttäuschung durch Fritz Venedig verlassen und ist zur Straßendirne geworden. Sie wird Zeugin der Uraufführung der ersten Oper von Fritz. Die Musik bewirkt eine erneute Verwandlung in ihr. Die Oper ist ein Misserfolg, denn Fritz ist es nicht gelungen, das Werk zu vollenden, den »fernen Klang«, den er seit vielen Jahren sucht, wirklich zu fassen. Erst als er Grete wiedersieht, wird die Ahnung des »Klangs« zu konkreter Musik. Längst von tödlicher Krankheit gezeichnet, stirbt Fritz in den Armen Gretes.

Schrekers Musik, von den Nationalsozialisten als »entartet« gebrandmarkt, hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg schwer, wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu gelangen. Sie galt als »trivial« und dem Stand des musikalischen Fortschritts nicht angemessen. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten reifte die Erkenntnis, dass Schrekers oft »filmische« Montagetechnik, das faszinierende Changieren zwischen traditioneller Harmonik und Atonalität, ganz eigene Ausdrucksdimensionen erschlossen hat, die den Komponisten in eine Reihe etwa mit Gustav Mahler stellt. Mit »Der ferne Klang« hatte erst zum zweiten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg eine Oper Franz Schrekers in Berlin Premiere. Nur 1981 wurde an der Staatsoper »Der Schmied von Gent« gespielt.



    In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln
    Spieldauer 2h 50min
    VORWORT - Werkeinführung durch den stückbegleitenden Dramaturgen jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    • Inhalt

      ERSTER AUFZUG
      Grete liebt Fritz, einen jungen Komponisten. Sie ist die Tochter des alten Graumann, eines pensionierten kleinen Beamten, der das wenige Geld der Familie ins Wirtshaus trägt. Auf der Suche nach dem »fernen Klang« will Fritz in die Welt ziehen, um seiner künstlerischen Berufung zu folgen. Grete lässt er zurück — er glaubt sich erst reif für wahre Liebe, wenn er ein Künstler von Gottes Gnaden geworden sei. Umsonst beschwört ihn Grete, sie nicht in den bedrückenden Verhältnissen des Elternhauses zurückzulassen.
      Kaum ist Fritz gegangen, erscheint ein altes Weib, das Grete zweideutige Fragen nach ihrem Verhältnis zu Fritz stellt. Vom nahen Wirtshaus, wo der Vater mit seinen Kegelbrüdern feiert, dringt immer stärkerer Lärm herüber. Grete schlägt der Mutter vor, als Dienstmädchen zu arbeiten, um die Situation der Familie zu verbessern. Die Mutter sieht dadurch die »Familienehre« bedroht und lehnt entrüstet ab.
      Der alte Graumann und seine Saufkumpane platzen herein: Dr. Vigelius, ein Schauspieler und der Wirt, dazu Gäste und Kellner des Lokals. Der Schauspieler singt ein Werbelied im Namen des Wirtes — der Vater hat Grete beim Kegeln verspielt. Grete ist entrüstet und gesteht ihre Liebe zu Fritz, woraufhin der Familienkonflikt eskaliert. Die Mutter drängt den wütenden Vater und die anderen Männer hinaus.
      Allein zurück geblieben, entschließt sich Grete zur Flucht.
      Grete ist an einem Waldsee angelangt und will sich ertränken. Da geht der Mond auf, und im Zauber der Waldnacht geht eine Veränderung mit ihr vor. Sie wird ohnmächtig. Das alte Weib erscheint wieder und bewundert die Schönheit des besinnungslosen Mädchens.
      Es überredet die erwachende Grete, ihr zu folgen.

      ZWEITER AUFZUG
      Zehn Jahre später. Als »Greta« ist Grete der umjubelte Star des Halbweltlokals »La casa di maschere« geworden, das auf einer Insel im Golf von Venedig liegt.
      Es wird Abend. Die Mädchen des Etablissements unterhalten sich über Gretas Verhältnis zu einem Grafen, der sich um ihre Liebe bemüht. Doch Greta sträubt sich, der Graf erinnert sie an ihre Jugendliebe Fritz. Als der Graf erscheint, enthüllt er dem Baron, einem weiteren Stammgast des Etablissements, seine Absicht, Greta mit Gewalt zu entführen. Die Männer warten auf Greta. Als sie endlich kommt, wird sie von allen umschwärmt. Sie scheint in melancholischer Stimmung und erzählt von der vergeblichen Suche nach wahrer Liebe. Von den Männern immer stärker bedrängt, fordert sie zu einem Wettbewerb auf: Wer die anrührendste Geschichte erzählt, dem verspricht sie als Preis eine Liebesnacht. Der Graf singt die schwermütige Ballade von der »glühenden Krone«; der Chevalier das Couplet vom »Blumenmädchen von Sorrent«. Greta kann sich noch nicht für einen Sieger entscheiden. Der Graf drängt sie, mit ihm zu fliehen. Doch Greta will nicht.
      Da legt ein fremdes Boot an: Die Ahnung des »fernen Klangs« hat Fritz auf die Insel geführt. Er erzählt von seiner Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Klang und von der Suche nach seiner Jugendliebe, die er nun wiederzufinden glaubt. Greta billigt ihm den Preis für die schönste Geschichte zu: die Freuden einer Liebesnacht. Langsam begreift Fritz, dass er nicht mehr das Bürgermädchen Grete vor sich hat. Als Greta ihm enthüllt, dass sie Hunderte von Männern geliebt habe, stößt er sie zurück, beschimpft sie als Dirne und verlässt die Insel. Nun ist Greta bereit, dem Grafen zu folgen.

      DRITTER AUFZUG
      Fünf Jahre später. In einem Theaterlokal in einer großen Stadt sitzen Dr. Vigelius und der Schauspieler. Sie unterhalten sich über die neue Oper, die an diesem Abend uraufgeführt wird: »Die Harfe«. Fritz ist der Komponist. Die beiden Männer erinnern sich an den alten Graumann und dessen Tochter. Ein Chorist kommt aus dem Theater herüber. Gerade läuft der zweite Akt, und ein Erfolg scheint gewiss.
      Ein Polizist führt Grete herein. Auch sie war in der Oper. Von der Musik tief berührt, hat sie einen Schwächeanfall erlitten. Ein »zweifelhaftes Individuum« spricht sie an: Sie sei doch die »Tini« und er letzte Nacht bei ihr gewesen — Grete, längst vom Grafen verlassen, verdient ihr Geld nun als Straßendirne. Die anderen Gäste sind empört. Man will Grete aus dem Lokal werfen. Dr. Vigelius erkennt sie und steht ihr bei. Er fühlt sich mitschuldig an ihrem Schicksal, da er einst den alten Graumann zum Spiel um die Tochter angestiftet hatte.
      Inzwischen kommen die Leute aus dem Theater gelaufen: Die Oper hat mit einem Skandal geendet und ist durchgefallen. Als Grete hört, dass der Komponist krank sei, wird sie von der Sehnsucht überwältigt, Fritz wiederzusehen.
      Von Krankheit gezeichnet, müde und enttäuscht, sitzt Fritz in den frühen Morgenstunden am offenen Fenster. Er lauscht dem Konzert der Vögel, das ihm noch niemals so eindringlich vorkam. In ihm ahnt er den lange vergeblich gesuchten »fernen Klang«. Sein Freund Rudolf erscheint und berichtet vom Angebot des Theaterintendanten, ihm die Chance zu geben, den letzten Akt der Oper neu zu komponieren. Doch Fritz fühlt sich zu schwach. Er fragt nach Grete, die er in der Vorstellung erkannt hat. Als Rudolf berichtet, es sei eine »gewöhnliche Dirne« gewesen, erkennt Fritz das Ausmaß seiner Schuld. Er begreift, warum er in seinem Werk zwar von Not und Sehnsucht, nicht aber vom Glück erzählen konnte. Rudolf verspricht, Grete zu ihm zu bringen.
      Allein zurückgeblieben, vernimmt Fritz nun endlich den geheimnisvollen »fernen Klang«. Dr. Vigelius kommt und berichtet Fritz von Gretes Unglück, um ihn auf das Wiedersehen vorzubereiten.
      Grete erscheint. Endlich begreift Fritz, dass Liebe, Kunst und Natur eine Einheit bilden. Mit Grete glaubt Fritz nun auch den »fernen Klang« endgültig zu besitzen. Er fühlt in sich die Kraft, das Ende seiner Oper neu zu komponieren. Grete will bei ihm endlich Frieden finden. Doch er stirbt in ihren Armen.