DER FREISCHÜTZ ODER DAS DOPPELGESICHT DES BIEDERMEIER
Von Walter Rösler
»Das Ganze wird sehr interessant und schauerlich, endet aber natürlich glücklich.« (Carl Maria von Weber)
Es beginnt fröhlich. Ländliches Festtreiben. Einer der Bauern ist Schützenkönig geworden und wird gefeiert. Gleich aber zeigt das lustige Landleben seine Kehrseite. Der Verlierer, der Jägerbursche Max, der beim Scheibenschießen niemals getroffen hat, wird auf impertinente Weise kollektiv verspottet. Aber auch der folgende deftige Bauerntanz versickert gleichsam in nächtlicher Dunkelheit. Dann aber, in Maxens Arie, meldet sich das Böse direkt und unverkennbar zu Wort.
In seinen Gesprächen mit dem Musiktheoretiker und Komponisten Johann Christian Lobe sagte Weber: Die wichtigste Stelle für mich waren die Worte des Max: ,mich umgarnen finstre Mächte', denn sie deuten mir an, welcher Hauptcharakter der Oper zu, geben sei. An diese finstern Mächte' musste ich die Hörer so oft als möglich durch Klang und Melodie erinnern. Selbst in dem so harmlos scheinenden Liedchen vom »Jungfernkranz« sind die finstern Mächte zur Stelle. Der Brautkranz wird mit einer Totenkrone verwechselt, und schon deutet die Figur mit dem leiterfremden Es in den Bratschen auf kommendes Unheil hin.
Das a-Moll im Abgesang der letzten Strophe schließlich ist von unsagbarer Traurigkeit. Auch dem Schlussjubel der großen Agathe-Arie ist nicht zu trauen, wird er doch durch einen Irrtum ausgelöst, denn Max hat nicht, wie die Jägersbraut meint, den besten Schuss getan, und nichts kündet Glück für morgen an.
Alles zielt auf die Wolfsschlucht, auf die Gegenwelt der Försterhaus-Idylle, die — obwohl die Handlung laut Angabe im Text kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges spielt - mit der frommen, aber verunsicherten Agathe und dem schon ein wenig emanzipierten Ännchen ganz im Kleinbürgermilieu der Weber-Zeit angesiedelt ist.
Draußen aber, in der Schreckensschlucht, erhebt der nächtliche Wald seine Stimme. In bisher nie gehörter Weise. Keine heiteren Gefühle löst Natur hier aus, wie noch in der reichlich ein Jahrzehnt zuvor entstandenen Pastoral-Sinfonie Beethovens, sondern Furcht und Grauen. In der Kleingliedrigkeit der musikalischen Formen bleibt der Bezug zum Singspielhaften dennoch gewahrt.
Theodor W. Adorno nannte die Wolfsschluchtszene eine Höllenvision aus Biedermeierminiaturen. Nicht nur in Webers »Freischütz«, sondern auch in der Literatur der Zeit lauert allenthalben die nächtliche Kehrseite der geordnet scheinenden Bürgerwelt. Man hat die Erfahrungen des Krieges gegen Napoleon hinter sich.
In der danach einsetzenden Zeit politischer und gesellschaftlicher Restauration erfüllten sich die Hoffnungen, die viele in die Zukunft gesetzt hatten, nicht. Der Boden, auf dem die Menschen sich bewegen, ist wie eine dünne Eisdecke, durch die man in die Finsternis durchbrechen kann.
Nicht zufällig tritt in der Literatur der Romantik und ihrer Nachfolge der Doppelgänger so oft in schauerlicher Gestalt hervor. Doppelgänger nicht nur verstanden als der in äußerlicher Gestalt gleich aussehende Mensch, sondern als das andere (zumeist böse) Ich, wie der grauenvolle Mister Hyde im Verhältnis zu dem ehrbaren Doktor Jekyll.
Die Jägerburschen Kaspar und Max sind einander ähnlich verbunden. Der mit den teuflischen Mächten im Bündnis stehende Kaspar ist gleichsam das verhängnisvolle Double des braven Max, der sonst stets getreu der Pflicht war, wie es im Finale der Oper über ihn heißt. Und wenn Max am Schluss mit der letzten Freikugel (ungewollt) Kaspar tötet, entledigt er sich gleichsam unbewusst seines zweiten, ihn zu teuflischen Praktiken verführenden Ich.
Sonderbar, dass Max vom Fürsten wegen seiner Freikugeln in Acht und Bann getan werden soll, kein Vorwurf aber wegen der Tötung Kaspars erhoben wird.
Kein Wunder, dass gerade der Doppelgänger-Autor par excellence E. T. A. Hoffmann (John Warrack meint in seiner Weber-Monographie, Hoffmann hätte für Weber werden können, was Boito für Verdi war) immer wieder die Doppelbödigkeit des bürgerlichen Lebens Gestalt werden ließ und die Dualität der Daseinsebenen sowie die zwei Wirklichkeiten des Lebens (Hans Mayer) ins Bewusstsein rief.
In der»Brautwahl« gerät der Geheime Kanzlei-Sekretär Tusman, dessen Leben mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks abläuft, auf dem Heimweg von dem Kaffeehaus, wo er allabendlich sein Glas Bier genießt, unversehens in die Gegenwelt, indem er dem geheimnisvollen Goldschmied Leonhard begegnet, der ein Revenant aus einem längst vergangenen Jahr-hundert ist, und überdies einem alten Juden, der schon vor mehr als zweihundert Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
Als der Geheime Kanzlei-Sekretär dann aus der Weinstube nach Hause flieht, begegnen ihm Dinge, die so wunderlich und schrecklich sind, dass sie ihm später kein Mensch glauben will. In »Der goldene Topf« gibt es geradezu ein Pendant zum »Freischütz«.
Fräulein Veronika Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt, ein wohlerzogenes, wohlbehütetes und ehrbares Bürgermädchen, begibt sich, um den Studenten Anselmus durch Zauberei für sich zu gewinnen, in der Nacht des Herbst-Äquinoktiums auf einen einsamen Kreuzweg (ein Kreuzweg spielt bei solchen Geschichten oft eine besondere Rolle — auch in der Erzählung vom »Freischütz« im »Gespensterbuch«), um dort während eines furchtbaren Unwetters (wie in der Wolfsschluchtszene) gemeinsam mit der Rauerin, einer widerlichen alten Hexe, allerlei seltsame Manipulationen (auch ein Kessel fehlt nicht) vorzunehmen. Die Rauerin sagt zuvor zu Veronika: ...und alles Wunderliche, was du vielleicht erblicken wirst, soll dich nicht anfechten, in der Wolfsschlucht bedeutet Kaspar seinem Jagdgesellen: Was du auch hören und sehen magst, verhalte dich ruhig. Kam' vielleicht ein Unbekannter, uns zu helfen, was kümmert's dich? Kommt andres, was tut's? So etwas sieht ein Gescheiter gar nicht!
Noch deutlicher sind die Bezüge zu Webers Oper in Hoffmanns Roman »Die Elixiere des Teufels« (erschienen 1815/16). Er enthält die Lebensbeichte des Kapuzinermönches Medardus, der von dem Elixier des Teufels getrunken hat und von seinem Prior zur Selbstfindung nach Rom geschickt wird. Auf dieser Reise, die durch Verirrungen, Verbrechen und Gefährdungen des Ich führt, gelangt er auch in ein mitten im Walde gelegenes altes Jagdschloss. Es ist der Wohnsitz des Revierförsters, dem die sogenannten Freischützen nach dem Leben trachten, aber der wackere Jägersmann meint: ... die Spitzbuben können mir nichts anhaben, denn mit der Hülfe Gottes verwalte ich mein Amt treu und redlich, und im Glauben und Vertrauen auf ihn und mein Gewehr biete ich ihnen Trotz.
Neben dem Motiv vom Freischützen gibt es in dem betreffenden Roman-Kapitel auch noch andere Personen und Begebenheiten, die wir auf ähnliche Weise in Kinds Operntext wiederfinden: da sind die beiden anmutigen Töchter des Försters, und da ist ein Jagdbursche, dessen Gewehr verhext ist, denn in der Tat traf er ... kein Tier, so gut er sonst geschossen. Nicht zuletzt taucht auch hier das Doppelgänger-Motiv auf, denn der Held und Ich-Erzähler trifft auf einen wahnsinnigen Mönch, einen falschen Medardus, der den Frieden des Waldschlösschens stört.
Weber machte schon im Oktober 1816 die Bekanntschaft Friedrich Kinds. Als er im folgenden Jahr seine Kapellmeisterstelle in Dresden antrat, suchte er den Kontakt zu dem dort tonangebenden»Liederkreis«, in dem Kind eine führende Rolle spielte. Es handelte sich dabei, wie wir aus verschiedenen Zeugnissen wissen, um eine eher biedermeierlich-betuliche Teerunde, deren Mitglieder gegenseitig ihre literarischen Produkte lobten.
Aber auch hier eine Affinität zur Gegenwelt des Unheimlichen. Die Quelle des »Freischütz«-Textes ist bekanntlich eine Erzählung in Apels und Launs »Gespensterbuch« aus dem Jahre 1810. Kind hielt sich weitgehend an die Vorlage. Auf eine entscheidende Abweichung muss aber hingewiesen werden: Der Schreiber Wilhelm, der die Försterstochter Kätchen heiraten will, um dessen Schießkünste es aber schlecht bestellt ist, hat nächtlicherweise Freikugeln gegossen. Beim Probeschuss schießt er auf eine Taube. Kätchen fällt mit einem Aufschrei zu Boden, ihre Stirn ist von der Kugel zerschmettert. Die Braut wird das Opfer teuflischer Zauberei. Wilhelm beendet sein Leben im Irrenhaus.
Weber und sein Textdichter kehren den Ausgang der Geschichte gleichsam um. Die Braut wird nicht das Opfer, sondern die Retterin ihres Bräutigams. Retterin zwar nicht durch aktives Handeln — wie Leonore im»Fidelio« — , sondern durch die Lauterkeit ihres Fühlens und Denkens (Samiel in der Wolfsschlucht: Noch hob ich keinen Teil an ihr!).
Agathe erscheint damit als Vorläuferin der Retterinnengestalten bei Richard Wagner, - besser gesagt: der Erlöserinnen. Senta erlöst durch ihre Treue bis zum Tod den Fliegenden Holländer von dem Fluch, ewig durch die Weltmeere segeln zu müssen, und Elisabeth erlöst Tannhäuser durch ihre tiefe Gläubigkeit von der Sünde, die er durch seinen Aufenthalt im Venusberg auf sich geladen hat.
Dennoch enden beide Opern Wagners tragisch. Das »happy ending« im »Freischütz« sollte man jedoch nicht bloß als eine Konzession an das Publikum betrachten, wie das bisweilen geschieht. Kind und Weber besaßen - zwanzig Jahre vor den genannten Werken Richard Wagners - offenbar noch die Zuversicht, der Mensch könne durch moralische Integrität den Kampf gegen die Welt Samiels überleben.
Nach Kinds Meinung ist der »Freischütz« geradezu ein Lehrstück. Bezug nehmend auf den traurigen Ausgang der Erzählung im »Gespensterbuch« erklärte er: Ich wählte ... die weit tröstlichere und erhebende Idee, daß die Vorsicht die Unschuld schütze, ja wohl ihretwegen einem aus Schwachheit Fehlenden Langmuth und Zeit zur Besserung angedeihen lasse; ich wünschte, daß Hörer und Schauer die Lehre mit sich nähmen, welche der Eremit hier ausspricht: Bewahre treu die Reinheit des Herzens, so wird der Allmächtige Dich bewahren!
Weber drückt es in einem Brief an seine Braut viel unpathetischer aus: »Das Ganze wird sehr interessant und schauerlich, endet aber natürlich glücklich.«
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