Auf der Suche nach Ägypten oder der Traum des Blinden von Regisseur Pet Halmen
Die Oper »Aida« beginnt (und endet) mit der schönsten lyrischen Musik , die Verdi geschrieben hat. Mit den ersten Streicherklängen des kurzen Vorspiels, das im Idealfall klingen kann, als werde es von menschlichen Stimmen gesungen, wird der blaue Portalschleier transparent, und ein großer Saal mit Säulen wird sichtbar. Es ist das Ägyptische Museum in Kairo. Die Normaluhr über der großen Eingangstür zeigt auf 5 Uhr nachmittags. Zahlreiche Besucher betrachten die Exponate. Die »Europäer« in Tropenkleidung nach der Mode des späten 19. Jahrhunderts. Aber auch reiche Araber mit ihren verschleierten Haremsdamen bevölkern das Museum. In den Schaukästen rings an den Wänden die »primitive« Kunst Zentralafrikas. Die Mitte des Saales wird dominiert von einer großen Ptah-Statue. Eine Bettlerin, gehüllt in ein blaues Tuch, kauert am Fuße einer der drei hohen Vitrinen, die frei im Räume stehen und in denen lebensgroße vergoldete Statuen der altägyptischen Hochkultur ausgestellt sind. Eine gebeugte Gestalt in Khakiuniform, mit dem Rücken zum Publikum, scheint von der Schönheit einer weiblichen Figur ganz überwältigt zu sein. Niemand bewegt sich. Die Zeit scheint still zu stehen.
Als sich schließlich langsam ein Flügel der großen Türe öffnet, bricht gleißendes Wüstenlicht in die Welt aus blauem Lapislazuli herein. Die eintretende Gestalt ist Verdi, im hellen Anzug, mit der »Aida«-Partitur unter dem Arm. Die Kühle des Raumes und die erstarrten Figuren ziehen ihn augenblicklich in ihren Bann. Als sich plötzlich der Soldat von seinem Begleiter losreißt, fällt sein Tropenhelm zu Boden, und man erkennt, dass seine Augen mit einer Binde verbunden sind: Er ist blind! Verstört ziehen sich die Besucher, mit ihnen auch Verdi, zurück. Nur die Bettlerin und der hingestürzte Soldat bleiben. Aus der Tiefe des Raumes löst sich ein schwarze Figur: Es ist Anubis, der schakalköpfige «Herr der Nekropole». Nachdem er den Uniformierten aufgerichtet hat, wickelt er ihm die Binde von den Augen. Gleichzeitig hebt sich der blaue Portalschleier; der Soldat kann »sehen«. Die Normaluhr an der Stirnseite des Saales kehrt sich um. Auf ihrer blauen Rückseite bewegt sich der Hieroglyphenzeiger (es ist der Totenschlüssel) rückwärts. Es beginnt der Traum des Blinden, der nun Radames heißt. Die von ihm bewunderte goldene Statue erwacht in ihrem gläsernen Schrein zum Leben und verläßt ihn als Amneris. Nachdem sie die Bettlerin von ihrem blauen Tuch befreit hat. wird diese zu Aida, ihrer Sklavin. (Die im Wesentlichen einfache Liebesgeschichte, ein Mann zwischen zwei Frauen, beginnt. Der Mann ist schwach, und die zwei Frauen sind, jede auf ihre Art, stark. Das Wunder ist, dass Verdis melodische Erfindungsgabe diese Situation selbst solchen Menschen noch völlig deutlich zu machen vermag, die wenig von Musik verstehen.) Als der zweiten Großvitrine »II Re«, der König, entsteigt, verwandelt sich das Museum bruchlos zum Palast, zum Tempelinneren, zur Säulenlandschaft am Nil (die jetzt offene große Eingangstüre gibt den Blick auf den wildbewegten Strom frei, die leeren Schaukästen an den Wänden haben sich in nilgrüne Aquarien verwandelt. Die Todesbarke, von Anubis getragen, bringt Amneris zu ihrem Rendezvous mit dem Oberpriester Ramphis). Aber vorher wird der Ursprungsraum zur großen Theaterarena für das zweite Finale.
Wenn Verdi eine Triumphszene schreibt - die überdies besser ist als jede, die die virtuosen Praktiker der konventionelle »Grand Opéra« geschrieben haben, - ist die Wirkung nicht dem äußeren Glanz, sondern der zuinnerst menschlichen Tragödie zu danken. Das klingt wie ein Paradoxon, ist aber keines. Es gelingt Verdi, inmitten der szenisch und musikalisch aufwendigen Siegesfeier die gespannte Aufmerksamkeit des Publikums auf den wohl innigsten Augenblick zu lenken., da Aida ihren Vater, den König von Äthopien, unter den Gefangenen erkennt.
In ihren Logen werden die »europäischen« Museumsbesucher (Die Kairoer Premiere der »Aida« war eher ein gesellschaftliche als ein musikalische Ereignis, obgleich man führende europäische Musikkritiker eingeladen hatte. Als bekannt wurde, dass der Khedive in drei Logen des ersten Ranges die Damen seines Harems untergebracht hatte, galt das Interesse einiger Berichterstatter mehr ihnen als dem Ensemble.) Zeugen eines grausamen Rituals: Vom Oberpriester Ramphis angeführt, plündern die Priester und Minister die Schaukästen des Museums, rauben die «primitive» (äthiopische) Kunst (Ritualobjekte) und verbrennen sie schließlich auf einem Scheiterhaufen. Um die verstörten Zuschauer zu besänftigen, folgen Schaukämpfe, und eine Gruppe von Akrobaten führt ihre Kunststücke vor, - bis endlich Radames den besiegten Amonasro zusammen mit seinem gefesselten Volk wie eine Viehherde vorführt, Barbaren in den Augen der Ägypter, tragen doch die gefangenen Äthiopier große Stierhörner auf dem Kopf. Als Amneris nach ihrer letzten Aussprache mit Radames erkennen muss, ihn an ihre Rivalin verloren zu haben, und Radames sogar bereit ist, mit Aida zu sterben, weiß sie, dass sie verloren hat.
Die Säulen, Vitrinen und Statuen sind wieder an ihren angestammten Platz zurückgekehrt, der Museumssaal ist in ein geheimnisvolles Licht getaucht. Nachdem der König sich von seiner Tochter verabschiedet und seinen Platz in der Vitrine wieder eingenommen hat, bereitet Amneris den »Liebestod« vor. Die Verschmähte führt Aida und Radames zur Ptah-Statue, öffnet sie und lässt das Paar hineintreten. In der Statue funkeln die Sterne auf nachtblauem Grund - Liebesgrotte und Sarkophag zugleich. Langsam schließt Anubis die Figur, und als Amneris, als wäre nichts geschehen, wieder im Glasschrein sitzt, öffnet sich noch einmal die Türe des Saales. Verdi betritt erneut das nun ruhige Museum, die Normaluhr zeigt wieder die fünfte Stunde, vor dem Sarkophag sieht er den Tropenhelm des Soldaten liegen. Ins blaue Dämmerlicht gehüllt, kauert am Fuße der Vitrine die Bettlerin. Wie schlaftrunken wischt sich Verdi über die Augen. Die Oper verklingt, allen Konventionen widersprechend, im zartesten Pianissimo ...