Der Ärger mit dem Ochs begann schon vor der Dresdner Uraufführung. Der sexprotzende Baron von Lerchenau und Gegenspieler zum »Rosenkavalier« Otavian passte so gar nicht ins edle Adelsbild eines Hofopernintendanten, und so intervenierte Dresdens Theater-Graf Seebach beim Komponisten und bat um ein paar Striche ausgerechnet in jener «Arie» des Ochs im 1. Akt, da dieser die diversen Objekte ländlicher Lust so genüsslich beim Namen nennt. Strauss reichte die Kritik Seebachs an seinen Librettisten Hugo von Hofmannsthal weiter mit der Bitte, sie immerhin zu erwägen. Hofmannsthal zeigte sich keineswegs autorenehrgeizig, sondern überraschenderweise gegenüber fremden Meinungen durchaus aufgeschlossen: »Die Einwendungen Graf Seebachs scheinen mir sehr beachtenswert. Denn was ihn so choquiert, wird auch andere choquieren (nicht bloß in Hoftheatern), und wozu sich einen Teil des Publikums überflüssigerweise entfremden?« Daher schlug er erst einmal Striche vor, gab aber zugleich zu bedenken: Wenn Sie dann schließlich wünschen, ändere ich solche Stellen, aber durch solche Verwässerungen ist diese »Arie« natürlich sehr in Gefahr, hundslangweilig zu werden.« Und einige Zeit später, nach getaner Änderung betonte er nochmals: »Freilich schmeckt der Trank um so schaler, je mehr Wasser man auf die Art hineintut, und das Faunische ist ja eigentlich die raison d'etre dieser ganzen Szene.« (Brief vom 25. August 1910) Strauss antwortete nach wenigen Tagen Bedenkzeit sehr entschieden: »Die Änderung zugunsten der Prüderie und Heuchelei ärgert mich nach wie vor. Und er schlägt daher eine wahre Roßtäuscher-Aktion vor: Die inkrimierten Stellen werden nur im Textbuch retuschiert, nicht aber in Klavierauszug und Partitur, denn es handelt sich doch nur darum, nicht unsere Komödie abzuschwächen, sondern die Leute, die vorher das Textbuch in böser Absicht lesen, zu bluffen.«
In Dresden gelang der «Bluff» und »Der Rosenkavalier« ging bei seiner Uraufführung am 26. Januar 1911 im wesentlichen unverwässert in Szene, gekürzt wurde erst nach dem Fest, hinter dem Rücken der Autoren und sehr zu deren Zorn. Am 15. Mai 1911 meldete der Komponist seinem Dichter: Mit Seebach bin ich wegen der infamen Dresdner Striche ganz übers Kreuz, trotz der Verstümmelung ist dort der »Rosenkavalier« schon bis zur 28. ausverkauften Vorstellung gediehen. Bleiben die Tantiemen als einziger Trost. Ganz anders lief es in Berlin. Graf Georg von Hülsen-Haeseler, Generalintendant der Königlichen Schauspiele, hatte nämlich bereits vorher in böser Absicht das Original-Libretto gelesen und es als bedenklich und für die Berliner Hofbühne sogar als unmöglich bezeichnet. Nun, nach dem sensationellen Dresdener Uraufführungserfolg, wendete sich zwar das Blatt, und es wurde zwischen Strauss und der Intendanz neu verhandelt. Am 17. März 1911 konnte Hülsen-Haeseler seinem Generalmusikdirektor telegrafisch mitteilen: »Zu meiner großen künstlerischen und menschlichen Freude steht der Aufführung Ihres »Rosenkavalier« unter meiner Verantwortung nichts im Wege. Wenn Sie im Sinne unserer letzten Aussprache meinem vermittelnden Takt vertrauen wollen, dürfte eine Einigung zweifellos und damit die Aufführung gesichert sein. Mir schwebt sie allerdings nicht als eine Wiederholung der Dresdner mise-en-scene, sondern als eine viel feiner gestimmte, aber gerade deshalb viel wirkungsvollere Neuschöpfung Ihres Werkes vor, dessen Schönheiten aus diesem Gesichtspunkt dem Publikum ganz nahe zu bringen mir eine tiefe Genugtuung sein wird.«
Der Komponist berichtete noch am gleichen Tage seinem Librettisten triumphierend vom Stimmungswandel in Berlin: »Heute muss ich aber doch Ihnen mitteilen, dass nun nach Rücksprache mit dem Kaiser und all den Bombenerfolgen, Extrazügen nach Dresden etc.. auch Herr von Hülsen den »Rosenkavalier« für Anfang der nächsten Saison angenommen hat, wenn ich mich entschlösse, seine »mildernde« und »verfeinernde« Hand über dem Ganzen walten zu lassen. Na, zu schlimm wird es nicht werden, 's sind mehr Phrasen, um das in Dresden Geleistete nicht gelten zu lassen und noch zu übertrumpfen.« Besonders entzündete sich natürlich Hülsens Unmut an der Ochs-Erzählung im l. Akt, und er forderte ihre Streichung. Darauf Strauss: »Nach langer Überlegung bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass die von Euer Exzellenz gewünschte Streichung der ganzen Ochs-Erzählung im ersten Akt nach wie vor total unmöglich ist. Dieser von mir niemals gebilligte Strich zerstört die ganze künstlerische Architektur des ersten Aktes. Also zum Teil wenigstens muss dieses Stück für die Berliner Aufführung unbedingt wiederhergestellt werden. Wie dies zu ermöglichen, habe ich mit Hugo von Hofmannsthal in Wien Rücksprache genommen und ihm vorgeschlagen, die ganze Erzählung hoftheater-mäßig umzudichten. Er hat dies abgelehnt, mir aber freigestellt, Euer Exzellenz zu ersuchen, diese Umdichtung eventuell selbst vorzunehmen. Bei der großen poetischen Begabung Euer Exzellenz wird Ihnen dies keine Mühe machen, und das als Musikstück im ersten Akt absolut unentbehrliche Scherzo könnte der Aufführung erhalten bleiben. Zwar votierte Hülsen nach wie vor für tunlichst starke Kürzungen, weil die großen Schönheiten der Partitur ...dann nur noch leuchtender hervortreten. Ich will mich andererseits Ihrem Wunsche gemäß herzlich gern mit der Frage beschäftigen, ob ich mit meiner armen Poeterei die Umdichtung der einzelnen Stellen gut und geschmackvoll lösen kann. Falls: ja, wird es herzlich gern geschehen. Hülsens Eitelkeit war geweckt, er spitzte die Feder und dichtete »veredelnd« um: [...]
Georg von Hülsen-Haeseler kastrierte den deftigen, grobschlächtigen Landjunker mit Stallgeruch zum parfümierten Anakreontiker. »Der Rosenkavalier« in seiner Fassung hätte auch die einfältigste Klosterschülerin vor dem Rotwerden bewahrt. Trotz oder vielleicht sogar wegen dieser Entstellungen, vor denen es Hofmannsthal am Ende doch graute, hatte die Berliner Premiere am 14. November 1911 unter dem Dirigat von Karl Muck mit Frieda Hempel als Marschallin, Paul Knüpfer als Ochs, Lola Artot de Padilla als Octavian, Baptist Hoffmann als Faninal und Claire Dux als Sophie einen sensationellen Erfolg. Bereits am 25. Januar 1912 zählte man die 25. und am 6. Mai 1912 die 50. Aufführung. Am 5. November 1918 dirigierte Richard Strauss den 138. und letzten Rosenkavalier-Abend in der Hülsen-Fassung. Die Revolution vom 9. November 1918 brachte nicht nur das Ende des Kaiserreichs, sondern auch der Königlichen Schauspiele und damit den Rücktritt des letzten Generalintendanten Seiner Majestät, Georg von Hülsen-Haeseler.