»Zu End’ ewiges Wissen!«
Die Dramaturgie des Wissens im Ring des Nibelungen
Boris Voigt
Die RING-Tetralogie ist durchwoben von einer dramaturgisch entscheidenden und äußerst komplexen Differenz zwischen Wissen und Nicht-Wissen, die sich im Handlungsverlauf mit anderen Differenzen überlagert: mit der Differenz zwischen Göttern und Menschen, der Differenz von männlich und weiblich, der zwischen Handlungsfähigkeit und -unfähigkeit, mit den Differenzen zwischen den Generationen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, und nicht zuletzt mit den gegensätzlichen Motivationen von Liebe und Hass. Die Beziehungen der Differenz- und Gegensatzpaare sind jedoch nicht starr, sondern verändern sich in ihrer Struktur mit der Entwicklung des Geschehens und der Personen. Die große Bedeutung, die dem Wissen im Ring zukommt, zeigt sich nicht zuletzt an den verschiedenen Szenen, die eigens dem Wissen gewidmet sind: dem Auftreten Erdas in RHEINGOLD und SIEGFRIED, dem Gespräch zwischen Brünnhilde und Wotan in der WALKÜRE, nachdem Fricka den Tod Siegmunds gefordert hat, der Wette zwischen Mime und Wanderer im SIEGFRIED, dem Nornengesang in der GÖTTERDÄMMERUNG.
Als Prinzip ist das Wissen ursprünglich weiblich konnotiert. Erda verkörpert die Weltweisheit, sie weiß, wie alles war und wie alles wird. Ihre Weisheit ist jedoch gebunden an die Welt der Götter und Mythen, mit deren Untergang auch ihr Wissen versiegt. Gebe Wotan den Ring nicht den Rheintöchtern zurück, warnt sie ihn im RHEINGOLD, so ende die Welt, wie sie derzeit sei: »Alles, was ist, endet. Ein düstrer Tag dämmert den Göttern.« Das, was danach kommt, die sich ankündigende nachmythische Welt, entzieht sich ihr jedoch.
Wotan verwandelt sich erst von einer handelnden in eine wissende Figur, indem er Erda in die Tiefe nachfolgt und das Wissen dort von ihr erlangt. Diese Verwandlung stellt für ihn die einzige Möglichkeit dar, überhaupt in irgendeiner Weise noch am Geschehen teilzuhaben. Durch seine Verträge sind ihm jegliche Handlungsmöglichkeiten genommen, doch als Wissender lässt er zunächst Walküren und Wälsungen für sich handeln, um den Untergang der Götter abzuwenden; ein vergebliches Unterfangen, da Wotan nicht andere anzuleiten vermag, gegen die von ihm verfügte Ordnung zu verstoßen.
Mit Wotans Verwandlung in eine wissende Figur verändert sich zugleich das Verhältnis des Wissens zur Welt, auf die es sich bezieht. Die für den RING charakteristische Kopplung des Wissens mit Handlungsunfähigkeit bzw. der des Nicht-Wissens mit Handlungsfähigkeit besteht nicht von Anfang an in derselben Weise, wie sie sich in der WALKÜRE manifestiert. Bevor Wotan den Speer aus der Weltesche schnitt und bevor er mit den Riesen den Vertrag zum Bau der Burg Walhall schloss, bestand für ihn die Notwendigkeit des Wissens nicht, da das Geschehen in seinen naturhaft festgeschriebenen Bahnen blieb. Umgekehrt bedurfte Erda aus demselben Grund keines Handlungsvermögens, Wissen und Geschehen konvergierten gewissermaßen notwendig.
Infolge der von Wotan geschlossenen Verträge und nach dem Raub des Goldes durch Alberich gerät im RHEINGOLD die ursprüngliche Ordnung in Auflösung. Anders als Erda, die zwar das Ende der mythisch fundierten Welt voraussieht, nicht aber außerhalb ihrer zu denken vermag, reicht das Wissen des sich später als Wanderer verkleidenden Gottes weiter. Er ist sehr wohl in der Lage zu erkennen, dass sich nach der mythischen eine neue Ordnung abzeichnet, und er weiß auch, wie sie ins Werk gesetzt werden wird. Deshalb kann er im SIEGFRIED die von ihm geweckte Erda wieder hinab in den ewigen Schlaf schicken. Allerdings zeichnet sich mit dem Übergang des Wissens an Wotan gegenüber der vorherigen Konvergenz von Wissen und Welt ein antagonistisches Verhältnis zwischen ihnen ab. Wissen und Welt treten immer weiter auseinander, bis mit der Rückgabe des Goldes an die Rheintöchter und dem Tod sowohl Brünnhildes wie Hagens, der letzten beiden wissenden Figuren, nichts mehr vom Wissen in der Welt zurückbleibt; eine Tabula rasa, die das Entstehen von etwas Neuem erlaubt.
Alberich erhält sein Wissen über die Macht des Goldes von den Rheintöchtern, verfügt also nicht selbst von vornherein über Wissen. Nicht böse Absicht, sondern Neugier führt ihn aus Nibelheim heraus. Erst die Verbindung von enttäuschter Leidenschaft und Wissen verleitet ihn dazu, das Gold zu rauben und den Ring zu schmieden. Um zu Wissen zu gelangen, musste er erst seine Heimstatt verlassen. Aus der dunklen Tiefe klettert er hinauf. Wotan hingegen begibt sich in der Absicht, von Erda mehr zu erfahren, von den lichten Höhen in die Tiefe. Der Schwarzalbe und der Lichtalbe gleichermaßen erhalten Wissen dort, wo sie nicht hingehören, an Orten, die ihrer Natur nicht entsprechen. Auch an diesen Ortswechseln zeigt sich das beginnende antagonistische Verhältnis zwischen der untergehenden mythischen Welt und dem Wissen. Musikalisch ist die Ablösung des Wissens von der Welt am Verhältnis der Leitmotive zu den jeweiligen Handlungen der Tetralogie ablesbar, sind sie zunächst an die gegenwärtigen Ereignisse und die aktuelle Rede gebunden, so repräsentieren sie – musikalisch häufig verfremdet – vor allem in der GÖTTERDÄMMERUNG überwiegend die den meisten Akteuren gar nicht mehr bewusste, im Grunde bereits vergangene mythische Welt, die gleichwohl auf ihnen lastet. Die Leitmotive fungieren als musikalische Wissensspeicher.
Wissen ist sowohl inhaltlich wie großenteils hinsichtlich der Personen, denen es zu Gebot steht, gebunden an die mythische Welt und die Welt der Götter, während die Welt der Menschen, in der die GÖTTERDÄMMERUNG spielt, mit dem Wissen nur vermittelt in Berührung kommt. Wotan und Alberich, aber auf seine Weise auch Mime , sind – wenngleich nicht von vornherein – wissende Figuren. Hingegen spielt Wissen in der Beziehung zwischen Siegmund und Sieglinde eine untergeordnete Rolle, ihre Liebe zueinander rangiert für sie weit vor der Bedeutung der Ereignisse, in die sie verstrickt sind, und die ihr eigenes Schicksal bestimmen. Siegfried bleibt vom Wissen gänzlich unberührt. Selbst wenn es ihm mitgeteilt wird, kann er es nicht erfassen. Die Geschwister Gunther und Gutrune haben keinen Anteil am Wissen, eher sind sie Opfer des Gebrauchs, den Hagen von seinem Wissen macht.
Das Vorspiel der GÖTTERDÄMMERUNG führt den Prozess der Ablösung des Wissens von der Welt noch einmal vor. Von Erdas Wissen künden nächtlich ihre drei Töchter, die Nornen. Nicht anders ihre Mutter können sie nicht weiter als bis zum Untergang der Götter schauen, ihr Wissen vergeht mit der Götterwelt. Das Wissen, das die Nornen in Gestalt eines Seils weben, findet immer schlechteren Halt in der Welt. Die Weltesche, an der sie das Seil ursprünglich befestigten, siecht dahin seit Wotan den Schaft seines Speeres aus ihr schlug. Immer weniger Geeignetes muss zur Befestigung des Seils herhalten, bis es schließlich reißt und den Nornen nichts bleibt, als sich hinab zu ihrer Mutter zu begeben.
Wie Erda vermögen die Nornen zwar zu wissen und von ihrem Wissen zu künden, jedoch nicht zu handeln. Die unmittelbare Gegenüberstellung der räsonierenden Nornen mit dem Heldenpaar Brünnhilde und Siegfried grenzt somit die Sphäre des Wissens gegen die des Handelns ab. Den Nornen reißt der Faden, während Siegfried von Brünnhilde zu neuen Heldentaten ermuntert wird. Auch musikalisch ist dieser Gegensatz erfahrbar. Während das Nachsinnen der Nornen, das Spinnen ihres Seiles, in getragenem Tempo klanglich düster und spröde wirkt – auf die Vergangenheit bezogen besitzen hier auch die Leitmotive musikalisch keine volle Präsenz –, so hellt das Orchester deutlich auf und gewinnt farblich an Glanz und Massivität, sobald Brünnhilde und Siegfried ihre Liebe und Heldentaten besingen. Beide sind musikalisch als Personen vollkommen gegenwärtig, während Vergangenheit und Götterwelt nur in kurzen Momenten aufschimmern. Einräumend nichts von dem Wissen verstanden zu haben, das Brünnhilde ihm gab, bricht Siegfried schon wieder auf zu neuen Taten.
Dem Auseinandertreten von Wissen und Welt geht also der Antagonismus zwischen Wissen und Handlungsvermögen einher. Während Wotan infolge der Verstrickungen, die er mit den Verträgen zum Bau der Walhall eingeht, seine Handlungsfähigkeit einbüßt, gelingen Siegfried seine Heldentaten ohne jegliches Wissen. »Wo du nichts weißt, da weißt du dir leicht zu helfen«, sagt ihm Wotan in Gestalt des Wanderers, als er Siegfried wissend und gewollt vergeblich den Weg zum Fels versperrt, auf dem Brünnhilde schläft. Daran kommt auch die Wissensdifferenz zwischen den Generationen zum Ausdruck. Siegfried bedarf des Wissens der Alten nicht mehr. Zwischen Wotan und Brünnhilde verhält es sich im RHEINGOLD anders. Ihr vermittelt sich Wotans Wissen problemlos, da sie zu diesem Zeitpunkt noch der Göttersphäre angehört und das Wissen folglich nicht die Schwelle zur Menschenwelt überschreiten muss. Ohnedies ist Brünnhilde als gemeinsame Tochter des Gottes und Erdas in Bezug auf das Wissen begünstigt.
Ähnlich reibungslos wie die Wissensvermittlung zwischen Wotan und seiner Tochter vollzieht sich in der GÖTTERDÄMMERUNG der Wissenstransfer von dem inzwischen geisterhaft anmutenden Alberich zu seinem Sohn Hagen, obgleich dieser das Wissen nur schlafend aufzunehmen vermag. Er gehört schon der Menschenwelt an, steht der Welt der Mythen allerdings noch nahe. Jedoch gibt Alberich ihm nicht allein das Wissen mit, Hagen hat von ihm auch die dunklen Motive seines Handelns geerbt: Gier, Neid und Hass. Ihre Motivationen betreffend verhalten sich Brünnhilde und Hagen gegenpolig zueinander, nicht aber strukturell. Sie ist sein ebenbürtiger Gegenspieler, nicht Siegfried.
Brünnhilde und Hagen ähneln sich nicht zuletzt insofern, als sie diejenigen Figuren sind, die das Wissen aus der Götter- und Mythenwelt ein letztes Mal in die Handlungen innerhalb der Menschenwelt hineintragen. Hagen betreibt dies sogar konsequenter, oder besser kontinuierlicher, als Brünnhilde, wobei er seine wahren Zielsetzungen den von ihm manipulierten Gibichungen selbstredend verschweigt. Sogar die ehemalige Walküre kann er vorübergehend in seine Pläne, der Rückgewinnung des Ringes, einspannen. Dies gelingt ihm deshalb, weil Brünnhilde, als sie den Betrug Siegfrieds an ihr entdeckt, zum Teil von denselben Gefühlen geleitet wird wie Hagen. In den Rachegelüsten gegen Siegfried sind sie sich einig, nicht aber bezüglich ihrer Motive. Brünnhilde ist ihren Leidenschaften ausgeliefert. Zu diesem Zeitpunkt bar jeden Wissens ist sie nicht in der Lage, die Situation adäquat zu verstehen. Das erforderliche Wissen gewinnt sie erst mit Siegfrieds Tod zurück. Daher vermag Hagen das Geschehen vorübergehend scheinbar erfolgreich zu lenken. Interessant an beiden Figuren ist, dass sie Wissen und Handeln noch einmal in sich vereinen können. Der Grund dafür besteht darin, dass sie nicht mehr in der Mythen- und Götterwelt handeln, sondern ausschließlich in der Menschenwelt. Der Antagonismus von Wissen und Handeln betraf die erstere, nicht die letztere.
Gerade in ihrem Verhältnis zum Wissen ist Brünnhilde die komplexeste Figur der Tetralogie, mit entscheidenden Konsequenzen für den Verlauf der Handlung. Auch klanglich-musikalisch und hinsichtlich der Leitmotive partizipiert sie im Verlauf der Tetralogie an den verschiedensten Sphären und inhaltlichen Aspekten. Zunächst befindet sie sich in Einklang mit ihrem Wissen; einem scheinbaren Einklang allerdings, da die Grundlagen der Mythen- und Götterwelt bereits in Auflösung befindlich sind. Den Bruch zwischen Welt und Wissen durchleidet Brünnhilde, als Wotan beschließt, Siegmund zu fällen. Sowohl das, was sie über das Geschehen weiß und erfährt, wie ihre innere Übereinstimmung mit den nicht realisierbaren Wünschen ihres Vaters, lässt sich für sie nicht in Einklang bringen mit dessen Befehl, Siegmund den Schutz zu entziehen. Die Einhaltung der vertraglich festgelegten Machtstrukturen steht in Widerspruch zu ihren Überzeugungen. Ferner entdeckt sie im Mitfühlen mit dem Geschwisterpaar die Macht der Liebe, die sie vollends dazu bringt, gegen den ausdrücklichen Befehl Wotans zu verstoßen. Sich ihm widersetzend beschirmt sie Siegmund und rettet Sieglinde. Brünnhilde ist die einzige Figur im RING, der es von einem Standpunkt innerhalb der in sich verfangenen Götterwelt gelingt, ihrem Wissen ein Handeln folgen zu lassen, das letztlich zur Überwindung des Fluchs führt. Dieser Schritt aus der Ordnung der Götterwelt heraus ist ihr erst durch die Verbindung von Wissen mit einer aus Liebe sich speisenden Handlungsmotivation möglich. Die Strafe, die Wotan Brünnhilde für ihren Ungehorsam auferlegt, entzieht sie endgültig der vertraglich gebundenen Sphäre. Nur ein freier Held kann sie aus dem Schlaf erwecken. Von vornherein kommt allein Siegfried in Frage, den Feuerkreis um die schlafende Brünnhilde zu durchschreiten.
Die Schluss-Szene des SIEGFRIED, in der der Held Brünnhilde durch seinen Kuss aufweckt, stellt nichts anderes dar als ein auskomponiertes Passagenritual, wobei die Passage nur Brünnhilde durchläuft, während Siegfried unverändert bleibt. Brünnhilde aber verwandelt sich von einer wissenden, der Götterwelt angehörigen Walküre in eine nicht-wissende liebende Frau, die nun der Menschenwelt angehört und ihre Verbindung zur Welt der Mythen und Götter weitgehend einbüßt. Der Übergang Brünnhildes von der göttlichen in die menschliche Sphäre vollzieht sich unwiderruflich in dem Moment, in dem sie sich Siegfried hingibt.
Der Begriff der Liebe ist in dieser Passage in ambivalent. Wissend vermeint sich Brünnhilde zunächst durch ihre Liebe zu Siegfried. »Was du nicht weißt, weiß ich für dich: Doch wissend bin ich nur – weil ich dich liebe.« Damit erinnert sie vermutlich daran, dass sie infolge der Begegnung mit dem sich liebenden Geschwisterpaar die Tragweite des »Doublebinds«, in dem sie und Wotan sich befanden, zu durchschauen vermochte und mit der durch Liebe motivierten Rettung der schwangeren Sieglinde zugleich einen Ausweg schuf. Das böte eine Erklärung, weshalb sich Brünnhilde und Siegfried auf dem Felsen nicht von vornherein einig sind, was unter Liebe zu verstehen sei. Brünnhilde spricht zunächst, bevor sie sich der Leidenschaft ergibt, von einer ideellen, das Wissen beinhaltenden Liebe. Siegfried hingegen, vollkommen in der Gegenwart aufgehend, kennt von vornherein nichts anderes als den Eros. Dass sie sich in einem Transformationsprozess befindet, gewahrt Brünnhilde erst beim Anblick ihrer zerschnittenen Rüstung. Sie ahnt bereits den Verlust ihres Wissens. »Mein Wissen schweigt: Soll mir die Weisheit schwinden?« Irdische Liebe und Unwissenheit treten anstelle von Wissen und Weisheit.
Brünnhilde ist zumindest vorübergehend auf die Rolle der Liebenden reduziert, deren Liebe den Helden stärkt für seine Taten und Abenteuer. Gleichwohl vergisst sie selbst in Momenten der Entzückung wie zu Beginn der GÖTTERDÄMMERUNG nicht, dass sie einmal Wissen besaß. Auch in solchen Momenten befindet sie sich nicht vollkommen auf derselben Ebene mit Siegfried. Im Stande des Nicht-Wissens weiß sie dennoch vom Wissen. Während Waltraute sie besucht, scheint es sogar eher, als wolle sie vom Wissen nichts wissen. Sie zieht die Liebe dem Wissen gegenüber vor. Den Warnungen ihrer Schwester bezüglich des Ringes ist sie unzugänglich, nicht weil sie tatsächlich nicht verstehen könnte, sondern weil sie den Ring, das Liebespfand Siegfrieds, aufgeben müsste. Liebe und Wissen scheinen sich aus dieser Perspektive auszuschließen.
Der Ring hat zwar keine Gewalt im Sinne der Gier nach Macht über Brünnhilde, aber der Verlust ihres Wissens – oder das mehr oder minder bewusste Ignorieren des Wissens – lässt sie das verwerfliche Potenzial des Ringes zugleich mitvergessen. Seine Macht zieht der Ring in dieser Situation vor allem aus Brünnhildes Unwissen. Sie verwechselt beim Anblick seines Goldschimmers den Ring als Symbol der Liebe mit der Liebe selbst. Selig leuchtet ihr aus dem Ring Siegfrieds Liebe, er bedeutet ihr mehr als alles andere. Auf diese Weise blendet er sie in zweifachem Sinn. Er lässt sie den Fluch vergessen, der auf ihm liegt, und sie vermag den Betrug nicht zu durchschauen, den Gunther, Gutrune und Siegfried unter den Einflüsterungen Hagens an ihr begangen haben. Sie erkennt zwar, als sie den Ring an Siegfrieds Finger entdeckt, dass sie betrogen worden ist, aber sie versteht nicht die Zusammenhänge des Betruges. Brünnhildes Unvermögen, ihre Leidenschaften angemessen reflektieren zu können, gilt für den Hass nicht minder als für die Liebe. Erst durch den Betrug aber nimmt sie den Verlust – oder Verzicht – auf ihr Wissen als Problem wahr. Zweimal bedauert sie ihr Wissensdefizit. »Was riet mir mein Wissen?«, fragt sie sich. Von ihrer Rache an Siegfried bringt sie das nicht ab, dennoch ist dieses Problembewusstsein die Voraussetzung zur Rückgewinnung ihres Wissens und ihrer Einsicht in das Geschehen. Nur erlangt sie ihr Wissen unter einer anderen Perspektive als die der Walküre wieder, nämlich unter der Perspektive der Menschenwelt und ihrer Liebe zu Siegfried.
Damit Brünnhilde den Rat der Rheintöchter annimmt, ihnen den Ring zu wieder zu übereignen – »mich musste der Reinste verraten, dass wissend würde ein Weib!« –, war der Betrug an ihr erforderlich. Notwendig war auch der sie erschütternde Mord an Siegfried, ohne den sie den Ring kaum wiedererhalten hätte. Gleichwohl tritt der Ausgang der Tetralogie keineswegs so zwangsläufig ein, wie es den Anschein hat. Siegfried wäre bereit gewesen, den Rheintöchtern den Ring zu geben, sie haben es abgelehnt. Warum? Zum einen wäre die Rückgabe ohne Einsicht erfolgt – und somit hätte die Lockung des Goldes vermutlich nicht nachgelassen. Wichtiger aber, ohne den freiwilligen Tod Brünnhildes, in den sie Siegfried aus Einsicht und Liebe folgt, und ohne den der eigenen Gier geschuldeten Tod Hagens wäre das Wissen der Mythen- und Götterwelt nicht aus der Welt der Menschen entschwunden. Erst der Tod der letzten Wissenden ermöglicht einen wirklichen Neubeginn.
Tobias Janz: Wagner, Siegfried und die (post-)heroische Moderne, in: ders. (Hrsg): Wagners Siegfried und die (post-)heroische Moderne, Würzburg 2011, S. 33.
Hans Mayer: Der »Ring« und die Zweideutigkeit des Wissens, in: ders.: Richard Wagner, hrsg. von Wolfgang Hofer, Frankfurt a. M. 21998, S. 175 f.
Tobias Janz: Klangdramaturgie. Studien zur theatralen Orchesterkomposition in Wagners »Ring des Nibelungen«, Würzburg 2006, S. 298 ff.