FINSTERNIS UND LICHT
Anmerkungen zu Wagners SIEGFRIED-Musik
von Detlef Giese
Sie beginnen im schwärzesten Dunkel und enden im strahlenden Licht – alle drei Akte von Richard Wagners SIEGFRIED folgen der gleichen Klangdramaturgie. Kaum eine seiner Partituren zeigt ein derart konsequentes Richtungsdenken und zugleich einen so sensiblen Umgang mit den Timbres der Orchesterinstrumente. Im SIEGFRIED wächst dem Moment der Klangfarbe eine Bedeutung zu, wie sie den vorangehenden RING-Teilen nicht in gleichem Maße eigen war. Dass Wagner generell ein außergewöhnliches Gespür für genau ausgehörte und ausbalancierte Klänge und Klangverläufe besaß, die er mithilfe einer Fülle von instrumentationstechnischen Finessen erzielte, steht außer Frage, dass er diese Kunst aber gerade im SIEGFRIED noch einmal verfeinerte und gewissermaßen auf eine neue Höhe führte, kann ebenso kaum bestritten werden. Wie es ihm drei Mal gelangt, einen auf große Dimensionen angelegten Prozess zu gestalten, der von düsteren Tönen bis zu leuchtendem Glanz führt, demonstriert eindrucksvoll seine eminente kompositorische Meisterschaft.
Viele Aspekte kommen hierbei zusammen. Rein musikalischer Natur sind sie nicht – oder nur ausnahmsweise –, da Wagner in seinem RING stets in szenischen Kategorien dachte. Die Entwicklung des dramatischen Geschehens stellt er in den Mittelpunkt, wozu auch die Musik mit ihren speziellen Mitteln beizutragen hatte. Eine Loslösung der klangfarblichen Komponente vom Text bzw. den Szenenbeschreibungen, die Wagner als festen Bestandteil seiner musikdramatischen Werke ansah, scheint deshalb schwerlich denkbar. Wenn im Folgenden nun die beiden Pole von Finsternis und Licht, die am Beginn sowie am Schluss eines jeden Aufzugs zu finden sind, thematisiert werden, so stehen neben Anmerkungen zur Musik selbst auch immer Verweise auf die jeweilige Szenerie mit ihren Besonderheiten sowie auf die handelnden Personen, denn auch sie gewinnen Kontur und Ausdruck ganz wesentlich durch die klangfarbliche Grundierung ihrer Worte und ihres Gesangs.
Zu Beginn seines Werkes führt uns Wagner in eine Schmiedehöhle im Wald, offenbar weit von der nächsten Siedlung entfernt. Mimes und Siegfrieds Zuhause ist ein Ort größtmöglicher Einsamkeit, an dem nur allzu leicht finstere Gedanken gedeihen können. Die Musik zeigt dies eindringlich, nicht zuletzt auch durch ihren Klangcharakter. Über weite Strecken spart Wagner die hohen Instrumente – vornehmlich die Violinen – aus, um auf diese Weise die Trostlosigkeit der Behausung, aber auch die dunklen Pläne Mimes zu kennzeichnen. Zudem schwingt stets ein Gefühl von Angst mit, symbolisiert durch das sogenannte »Wurm-Motiv«, das einerseits sehr direkt mit Fafner und seiner in der Tat furchteinflößenden Erscheinung verbunden ist, andererseits für eine Bedrohung abstrakter Art steht – eine Stimmung liegt in der Luft, die auf kommende Katastrophen hindeutet.
Tiefe Klangregister sind bestimmend: in den Fagotten, in den Tuben, in der über weite Strecken präsenten Paukengrundierung. Andere Blasinstrumente – etwa die Hörner, aber auch Oboen und Klarinetten – werden im Vorspiel kaum einmal in größere Höhen geführt, alles bleibt merkwürdig fahl und gedämpft. Insbesondere die Bratschen, die häufig im Zusammenhang mit Mime eingesetzt werden, bringen einen Ausdruck von Unruhe, Nervosität und purer Angst herein – ein Spiegel von Mimes Gemütszustand, weit entfernt von Souveränität und innerer Gelassenheit. Dass seine Gesangslinie vorerst kaum einmal in wirklich tenorale Bereiche aufsteigt, entspricht der Grundanlage des Aktbeginns: Das Dunkle, noch wenig Konturierte beherrscht die Szene, auf dessen Folie sich dann die Figuren – die musikalischen wie die Bühnengestalten – umso prägnanter profilieren können.
Mit dem Auftritt Siegfrieds wird eine erste Entwicklung in Gang gesetzt, erstmals ist so etwas wie Licht zu spüren. Signalhaft tönt nicht nur seine Stimme, sondern auch das Orchester. Unsordinierte Streicher sorgen für einen merklich strahlenderen Klang, der Tonsatz insgesamt fächert sich auf, da nunmehr auch die höheren Lagen erschlossen werden, Tempo und Dynamik sind gesteigert. Aber dennoch bleibt das folgende Gespräch zwischen Siegfried und Mime zumeist merkwürdig verschattet, erst mit dem Fortstürmen Siegfrieds hellt sich die Atmosphäre wieder auf, um dann jedoch sofort wieder in Düsternis und einer gewissen Lethargie zu versinken.
War es Siegfried, durch dessen Erscheinen und dessen demonstrativ zur Schau gestellte Ungeduld die zwischenzeitliche Änderung des Klangcharakters in der ersten Szene ausgelöst wurde, so ist es wiederum sein aktives Eingreifen, das die abschließende Sequenz des Aktes in die Wege leitet. Zwei solistische Episoden sind hierbei besonders exponiert: Wagner hat sie mit »Schmelzlied« bzw. »Hämmerlied« bezeichnet. Beide Male wird der Orchesterklang, der eine im Vergleich zu den vorangehenden Abschnitten spürbare Aufhellung erlebt, mit Vehemenz intensiviert, eine wahre »Tour de force« für den Siegfried-Sänger sind diese beiden Lieder, aber auch eine Bewährungsprobe für die spieltechnischen Fähigkeiten des Orchesters. Der Akt endet schließlich in strahlendem Dur, in voll entfalteter klanglicher Brillanz und kontinuierlicher Steigerung in Tempo und Dynamik.
Der Kontrast zum Beginn des zweiten Aktes könnte kaum größer sein, die Parallelen zum Anfang des Werkes werden aber auch deutlich. Tiefe Streicher, Pauken und Tuben bilden erneut das klangliche Fundament, Holzbläser in mittlerer und unterer Lage kommen hinzu. »Träg und schleppend« lautet die Vortragsanweisung für die ersten beiden Partiturseiten – der tiefe Wald, in dem die Szene angesiedelt ist und der sich nach Wagners Regievorstellungen beim Öffnen des Vorhangs zeigen soll, wird sehr plastisch vergegenwärtigt, ebenso das Wesen des Lindwurmes Fafner, vor dessen Höhle Alberich Wacht hält. Finstere Nacht ist um ihn, erleuchtet wird sie nur blitzlichtartig durch das Erscheinen des Wanderers – die Musik lässt dies eindringlich erfahrbar werden. Solange Alberich jedoch auf der Szene ist, bricht kaum einmal so etwas wie Helligkeit durch. Dunkle Schatten haben sich auf den Ort und seine Seele des verbitterten, hasserfüllten, sich unversöhnlich zeigenden Nibelungs gelegt; der Wanderer indes, dessen Auftreten von Würde und feierlichem Ernst getragen ist, vermag – anders als in der Szene mit Mime im ersten Akt – dem Klanggeschehen nicht unbedingt seinen Stempel aufzudrücken.
Im Grunde ändern sich die Farben erst mit dem Auftritt von Siegfried und Mime: Seltsam luftig werden plötzlich Tonsatz und Klang, nicht selten wird sogar die Basslage ausgespart. Hohe Streichern und Holzbläser mit charakteristischen Figuren treten verstärkt hervor, gleichsam als Vorbereitung für jenen beinahe pastoralen Gestus, der sich immer mehr durchzusetzen beginnt, mündend im raffiniert orchestrierten »Waldweben«, das zu den prominentesten Abschnitten der Partitur gehört. Raum für Reflexionen ist hier – dementsprechend scheint Wagner hier auch einen »Klangteppich« auszubreiten, der zunächst ganz unaufdringlich wirkt, zugleich aber von vielfältigen musikalischen Themen durchwoben ist, deren Verflechtungen sicher komplizierter und verästelter sind als die von Siegfried geäußerten Gedanken.
Im »Waldweben« taucht erstmals auch das Motiv des Waldvogels auf, als mehr oder minder scharf umrissene Kontur auf dem Grund der Klangfläche. Noch ist dieses Motiv rein instrumental eingesetzt, Expressivität gewinnend durch die charakteristischen Timbres einzelner Holzbläser. Bei seinem späteren Erscheinen, nun vokaler Natur, besitzt es wiederum eine besondere atmosphärische Tönung. Wesentlich ohne stützende Bassklänge, umschwirrt von Tremoli und Flageoletts der Streicher, singt der Waldvogel, Siegfried Rat und Hilfe gebend. Spätestens hier ist der Stimmungswechsel hin zu Helligkeit und Glanz vollzogen: Die Schlusspartie des zweiten Aktes lebt von einer im SIEGFRIED bislang noch nicht offenbarten Leichtigkeit und Transparenz. Im instrumentalen Nachspiel wird nicht nur ein sehr rasches Tempo initiiert, sondern auch eine sich steigernde Klangintensität, die erst in den letzten Takten zurückgenommen wird, um dann in einem Forte-Akkord punktgenau zu enden.
Der dritte Akt von Wagners SIEGFRIED ist sicher ein besonderer Abschnitt des RINGS. Mehr als ein Jahrzehnt trennen ihn von der Entstehung der anderen Partiturteile. Musikalisch könnte man hier durchaus die »Bruchstelle« des Werkes sehen, zumal vor dem Hintergrund des Wissens darum, dass Wagner während dieser Zeit so singuläre Werke wie TRISTAN UND ISOLDE sowie DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG komponiert hat, die auf die Fortsetzung der RING-Tetralogie zweifelsohne eingewirkt haben. Wenngleich es Bewunderung abnötigt, wie es Wagner gelang, gegen Ende der 1860er Jahre wieder dort anzuknüpfen, wo er im Sommer 1857 aufgehört hatte, so sind doch bei manchen Gestaltungselementen Unterschiede und Weiterentwicklungen auszumachen. Die Instrumentation, die insgesamt komplexer und »schwerer« geworden ist, betrifft das in besonderem Maße, aber auch die neuen Tendenzen des Tonsatzes, die sich in Form eines stärkeren polyphonen Geflechts der Orchesterstimmen bemerkbar machen. Im dritten Akt des SIEGFRIED schichtet Wagner – wie später dann auch in der GÖTTERDÄMMERUNG – oft mehrere Motive neben- und übereinander und zeigt damit Zusammenhänge auf, die sich mittels einer bloßen Reihung nicht erschließen würden.
Das Vorspiel sowie die einleitende Erda-Wanderer-Szene (die zu den wohl eindringlichsten Episoden im gesamten RING gehört) bieten ein treffliches Beispiel für die von Wagner verwirklichten Neuerungen. Zum Einen schafft er ein außergewöhnlich dichtes orchestrales Gewebe: Gleich mehrere der zuvor eingeführten »Grundthemen« – für gewöhnlich auch »Leitmotive« genannt, obwohl dieser Begriff nicht von Wagner stammt – sind hier miteinander verflochten, so dass sie sich wechselseitig beleuchten können. Zum Anderen soll der Klang, obwohl im Piano beginnend, von vornherein stets großes Gewicht besitzen. Zuweilen ist der Orchestersatz recht massiv auskomponiert, gewinnt aber dadurch bedeutungsvolle Kraft. Ein schwieriges Unterfangen ist dies für den Sänger des Wanderers, der sich einem Apparat gegenübersieht, dem er auch mit größten stimmlichen Ressourcen eigentlich nicht Paroli bieten kann. Dass auch hier, wie schon in den Eingangspassagen der beiden ersten Akte, die tiefen Register und dunkle Farben bevorzugt eingesetzt werden, ist angesichts der von Wagner imaginierten Szenerie (Wilde Gegend am Fuße eines Felsenberges) zwar von logischer Folgerichtigkeit, ist jedoch aufführungspraktisch – im Zusammenwirken von vokalen und instrumentalen Kräften – nicht einfach zu realisieren.
Die letzte Szene scheint gleichsam ein Gegenentwurf dazu zu sein – vor allem jene Klänge, die zu hören sind, nachdem Siegfried, begleitet vom Einsatz des vollen Orchesters, den Feuerring um den Walkürenfelsen durchschritten hat. Hier wird die zuvor sehr aufgefächerte, viele Instrumente mit einbeziehende Partitur, auf wenige Systeme beschränkt. Wie es für Wagner kennzeichnend ist, geschieht dies nicht abrupt, sondern immer unter Anwendung jener »Kunst des Übergangs«, von der er im Blick auf TRISTAN UND ISOLDE gesprochen hatte. Die immer weitere Zurücknahme des Klanges mündet schließlich in einer Passage, die allein den 1. Violinen zugedacht ist. Ein größtmöglicher Gegensatz zum Beginn des Aktes ist hergestellt, zugleich auch ein Umschlagpunkt zu Helligkeit und Glanz, die im weiteren Verlauf noch immense Steigerungen erfahren.
Im Schlussduett von Brünnhilde und Siegfried – das gegenüber der fast durchgängig beibehaltenen dialogischen Struktur der Dichtung und der Komposition – tatsächlich so etwas wie eine geschlossene musikalische »Nummer« darstellt, zeigt sich dieser Zug ins immer Hellere. Zwischenzeitliche Eintrübungen, die durch den Textinhalt bedingt sind, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Wagner hier auf ein wahrhaft »großes« Finale zusteuert. Schon das Erwachen Brünnhildes, eindrucksvoll in Szene gesetzt, ist von Licht durchflutet und in glänzende Orchesterfarben getaucht. Umso mehr ist es noch die Schlusspartie: Die beiden Solisten werden zu Spitzentönen hinaufgeführt (Brünnhilde am Ende gar bis zum hohen C), das Orchester, einschließlich dreier Harfen, schwingt sich ein letzten Mal zu voller Stärke auf. Ein leuchtkräftiges C-Dur-Finale, das nicht zuletzt seinen schier überwältigenden Eindruck dadurch hinterlässt, da die hier verwendeten Klänge auch nach ca. vier Stunden Werkdauer noch weitgehend unverbraucht sind.
Vom Düsteren zum Glanz, durch Nacht zum Licht, »per aspera ad astra« (wörtlich: durch das Rauhe zu den Sternen) – das scheint eine zentrale Gestaltungsstrategie Wagners im SIEGFRIED zu sein. Jedem der drei Akte wird damit eine ebenso einfache wie wirkungssichere Großstruktur gegeben, die in besonderer Weise dem Denken des 19. Jahrhunderts verpflichtet ist. Beethoven etwa hat sie in einigen seiner Sinfonien – in der Fünften, aber auch in der Neunten – höchst eindrucksvoll ins Werk gesetzt, Wagner wendete sie auf das Musikdrama an. So sehr Wagners konzeptionelle Ideen, die im RING DES NIBELUNGEN Gestalt gewannen, auch eigenen, im Vergleich zum Formenkanon der traditionellen Oper aufregend neuen Prinzipien folgen, so unschwer wird man in der Arbeit mit den Momenten des Musikalischen (die immer auch Momente des Ausdrucks und der Wirkung auf den Hörer enthalten) eine Zielrichtung sehen, die auf Beethoven verweist. Ein Ende im Jubel, in einer kaum noch zu steigernden Ekstase, wie es uns im SIEGFRIED begegnet, ist ein allzu deutliches Zeichen dafür, dass Wagner die Anfangs- wie die Finalgestaltung der einschlägigen Beethoven’schen Sinfonien sehr genau studiert und für seine Zwecke nutzbar gemacht hat.
Das ist gewiss nicht zu kritisieren, führt man sich nur vor Augen, wie bewusst Wagner instrumentierte und wie detailliert er seine Partitur mit aufführungspraktischen Anweisungen (zu Tempo, Dynamik, Artikulation oder Spielweise) versah. Den Interpreten sind damit vielfältige Handreichungen gegeben, wenngleich die Entscheidungsspielräume dadurch nicht unbedingt eingeschränkt werden. Wagners hochgradig komplexe Notentexte zum Klang – und damit zum Leben – zu erwecken, gehört zu wohl größten Herausforderungen, der sich Dirigenten, Sänger und Orchestermusiker stellen können. Das Prozesshafte, das sich im Verlauf der drei SIEGFRIED-Akte zeigt und auf verschiedene Art und Weise dort einkomponiert ist, hinreichend deutlich zu machen und dem Hörer offen wie unterschwellig zu vermitteln, stellt sich dabei noch als besondere Aufgabe. Spannungsvolles Musizieren ist gefragt, in den zurückhaltenden wie in den vorwärtsdrängenden, in den »dunklen« wie in den »hellen« Passagen gleichermaßen. Dann wird es auch möglich, dass die Musik ihre ganze Ausdruckskraft – und an so manchen Punkten auch eine regelrechte Magie – entfalten kann.