Das Rheingold. Musik als Herrschaftskritik und Herrschaftsausübung
Boris Voigt
»[…] die von künstlerischen Weltgefühlen getragenen Sekten gehören in soziologischer Hinsicht – sie bieten auch sonst ein erhebliches Interesse – oft zu dem Interessantesten, was es geben kann; sie haben noch heute, ganz wie eine religiöse Sekte, ihre Inkarnationen des Göttlichen gehabt, […] und die Prägung der praktischen Lebensführung, der inneren Attitüde zum gesamten Leben, die sie ihren Anhängern erzeugten, kann eine sehr weitgreifende sein.«
Diese an prominenter Stelle – nämlich 1911 auf der ersten Tagung der frisch gegründeten Deutschen Gesellschaft für Soziologie – von Max Weber vorgetragenen Worte mögen heutzutage befremden. Allem Anschein nach handeln sie von einem Phänomen, das der Vergangenheit angehört. Das Aufschließen metaphysischer Dimensionen erwartet sich heute kaum mehr jemand von Kunst und Musik. Gleichwohl haben noch bis vor drei Jahren der Kreis um Karlheinz Stockhausen oder das um den 1999 verstorbenen Theaterregisseur Jerzy Grotowski versammelte Ensemble der weberschen Beschreibung hervorragend entsprochen. Allzu weit liegt diese Vergangenheit also nicht zurück.
Während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sektenhaft aufgebaute Künstlerkreise alles andere als selten. Der wirkungsmächtigste unter ihnen war der um Richard Wagner entstandene Bayreuther Kreis. Werk und Person Wagners hatten erhebliche Folgen für Bewusstseinsstrukturen, Verhalten und Lebenswege seiner Anhänger. Zugleich trug der Bayreuther Kreis nicht unerheblich zur ideologischen Strahlkraft des Wagnerschen Œuvres bei. Weber beobachtete dies an dem Kunsthistoriker Henry Thode, der mit Cosima Wagners Tochter Daniela von Bülow verheiratet war. In seinen Kollegs an der Heidelberger Universität betrieb Thode einen wahren Wagner-Kult und propagierte eine christlich-germanische Weltanschauung; ein Verhalten, das Weber verabscheute.
Künstlerische Sekten erachtete Weber für einen so vordringlichen Gegenstand soziologischer Analyse, da der Kunst im Zeitalter der wissenschaftlichen Entzauberung der Welt eine der Religion entsprechende Funktion zukam. Den Einfluss religiöser Ideen auf das menschliche Handeln veranschlagte er als bedeutend und widmete der Religion daher einen großen Teil seiner Arbeit. Kunst bot seiner Auffassung nach zwar keine religiösen Ideen vergleichbare Transzendenz, doch immerhin eine Form der innerweltlichen Erlösung. Sie ermöglichte jene Sinngebung, die die Wissenschaft verwehrte. Als Kunstreligion hatte dies bereits Daniel Friedrich Schleiermacher auf den Begriff gebracht. Kunst definierte wesentlich die sinnhafte Existenz zumindest des Bildungsbürgertums und übernahm die Stelle des »Heiligen«, verkörperte das Absolute, Unendliche und Unbedingte. Vor allem Musik bot sich zur Erfüllung dieser Funktion an. Dem sprachlichen Erfassen stets sich entziehend und zugleich von außerordentlichem Emotionspotential stattete sie, indem sie erlebt wurde, das »Heilige« mit Realität aus.
Für legitim hielt Weber die innerweltliche Erlösungsfunktion der Kunst nur, sofern sie sie »rein als Kunst« erfüllte, nicht aber sobald ihr innerästhetischer Sinn auf die Welt projiziert und somit deren Wiederverzauberung betrieben wurde. Zu Richard Wagner hatte Weber daher »ein sehr zwiespältiges Verhältnis«. Den quasireligiösen oder metaphysischen Anspruch des Parsifal, das Rekurrieren auf den Mythos im Ring empfand er als Zumutung. Große Bewunderung des Könnens und Ablehnung des Anspruchs liegen in Webers Äußerungen über den Bayreuther »Hexenmeister«, wie er ihn auch nennt, in stetem Widerstreit.
Weber ordnet die künstlerischen Sekten dem von ihm definierten Idealtypus der charismatischen Herrschaft zu. Vielleicht irritiert der Begriff der Herrschaft angewandt auf Kunst, Weber jedoch identifiziert ihn nicht mit politischer Herrschaft. Herrschaft stellt sich ihm als unausweichlicher Bestandteil jeglicher komplexer sozialer Beziehungsgeflechte dar. Zudem besitzt Charisma notwendig eine ästhetische Komponente, weshalb auf künstlerischem Feld charismatisch motivierte Beziehungen besonders leicht entstehen. Umgekehrt nämlich weist Kunst grundsätzlich einen charismatischen Aspekt auf, nur eben nicht unbedingt mit der erforderlichen Intensität, die eine Bildung künstlerischer Sekten erfordert.
Ursprünglich trägt das griechische Wort »Charisma« in christlich-theologischem Zusammenhang die Bedeutung von göttlicher Gnadengabe. Weber entlehnt den Terminus dem kirchenrechtlichen Diskurs und definiert ihn als eine Beziehung zwischen Charismatiker und Anhängern. Letztere folgen ersterem, da sie ihn mit besonderen Qualitäten oder Fähigkeiten ausgestattet sehen, die sie als außergewöhnlich erleben, in Webers Terminologie als »außeralltäglich«; Qualitäten und Fähigkeiten also, über die nach ihrem Glauben außer dem Charismatiker niemand verfügt. Charisma beruht »auf der emotionalen Ueberzeugung von der Wichtigkeit und dem Wert einer Manifestation religiöser, ethischer, künstlerischer, wissenschaftlicher, politischer oder welcher Art immer«. Von den Hervorbringungen des Charismatikers erhoffen sich die charismatisch Beherrschten Antworten auf ihre drängendsten Probleme. Charisma entfaltet seine Kraft insbesondere in Notsituationen. Nicht jeder, der in dieser Weise als vorbildlich gilt, wird zu einem Charismatiker. Die Überzeugung von der eigenen Außeralltäglichkeit und Sendungsbewusstsein bilden eine notwendige Voraussetzung für die Etablierung charismatischer Herrschaft.
Zeitlebens versuchte Wagner Menschen an sich zu binden, die sich in den Dienst seiner Sendung stellten, und er war darin erfolgreich – Ludwig II. und der junge Nietzsche sind diesbezüglich nur besonders bemerkenswerte Beispiele. Unter Freundschaft verstand er eine vollkommene emotionale Identifikation sowohl mit seinem Werk wie mit seiner Person. Seine Freunde sollten seine künstlerischen Absichten als ihre eigenen annehmen und zu ihrer Verwirklichung beitragen, natürlich auch finanziell. Immer wieder fand Wagner Menschen, die ihr Geld, ihre Tätigkeit, ihr Denken in den Dienst seines Werkes stellten, die seine Weltsicht übernahmen und propagierten, die sich Erlösung von der Teilhabe an seinem Schaffen versprachen, ja sogar ihren Lebenssinn daraus gewannen. Das mochte gut gehen und zu einem erfüllten Leben verhelfen wie bei dem Publizisten Hans von Wolzogen. Den Dirigenten Hans von Bülow hätte es psychisch beinahe zerbrochen. Es trieb den jüdischen Pianisten Josef Rubinstein in den Selbstmord, weil die erhoffte Erlösung – vom Judentum nämlich – ausblieb.
Die Musikdramen bildeten den Zweck der charismatischen Gemeinschaft um Wagner, sie zu fördern sah er als Pflicht seiner Anhänger, zugleich gewährleisteten die Dramen die erlösende Sinnstiftung. Erlösung, das hieß für Wagner immer Erlösung von den abstrakten Funktionszusammenhängen moderner Gesellschaft. Markt und Staat stellten sich ihm per se als verwerflich dar und indizierten einen fortschreitenden Verfall der Menschheitsgeschichte. Dagegen stand Wagner zufolge der wirkliche Künstler ein, der fern von der gegenwärtigen Öffentlichkeit auf Wahrheit beruhende Kunstwerke schuf, in denen das unverdorben Ursprüngliche, »das Reinmenschliche«, »die freie Menschheit« Ausdruck fand, von ihm allerdings zunehmend mit der Bedeutung »deutsches Wesen« unterlegt.
Im musikalischen Drama führte Wagner seine Weltanschauung dem sinnlichen Erleben, dem Gefühl zu. Von den Rezipienten sollte im Kunstwerk das Reinmenschliche unmittelbar erlebt werden. Wagner bezeichnet in Oper und Drama das Drama auch als das vollendetste Kunstwerk, da in ihm die Absicht des Dichters »zur vollsten Unmerklichkeit aufgehoben« und »an die unmittelbarsten Empfängnisorgane des Gefühls, die Sinne, mitgeteilt wird.« Der Anspruch, das Reinmenschliche auszudrücken, mithin etwas überindividuell Gültiges, legitimiert sich hier allein über die emotionale Wirkung auf das Publikum. »Im Drama müssen wir Wissende werden durch das Gefühl. Der Verstand sagt uns: So ist es, erst wenn uns das Gefühl gesagt hat: So muß es sein.« Affektiv soll dem Rezipienten das von Wagner Beabsichtigte vorkommen wie etwas unumstößlich Naturgegebenes.
Das Rheingold-Vorspiel ist dafür ein gutes Beispiel. Als wäre die Musik Resultat eines organischen Entstehungsprozesses, scheint es. Zunächst verfügt das Vorspiel weder über Melodie, noch über Harmonie, noch über Rhythmus. Es beginnt mit einem oktavierten Es1 in den Kontrabässen, nach vier Takten kommen Fagotte mit dem oktavierten Quintton B hinzu. Aus deren Überlagerung ergibt sich schließlich eine zweitaktige Verschiebung der beiden Instrumentengruppen gegeneinander, die der Hörer jedoch nicht als solche wahrnimmt, da das bloße Aushalten von Grundton und Quinte gar kein Taktempfinden hervorzurufen vermag. Auch nach dem Hinzutreten des viertaktigen Naturmotivs in den Hörnern ist der vorgeschriebene 6/8-Takt nicht vernehmbar. Erst durch weitere Überlagerungen des Motivs kristallisiert sich ein 6/8-Puls heraus. Im Gegenzug aber kann die Kontur des Motivs nicht mehr eindeutig gehört werden. Es entsteht ein gleichmäßiges Pulsieren verschiedener Zusammenklänge der Töne des Es-Dur-Dreiklangs, ein farbliches Changieren innerhalb einer Harmonie. Die hochgradig rational konstruierte Form des Vorspielbeginns ist hörend nicht nachvollziehbar. Wagner hat, wie es ihm in der Theorie vorschwebt, »seine Schöpfung von allen Spuren seines Schaffens« befreit. Beabsichtigtes erscheint als frei von jeder Absicht.
Ähnlich versucht Wagner auch die Sprache zu behandeln. Der Dichter wolle mit der Sprache des Dramas Gefühlszwang auf die Menschen ausüben, daher führe sie von selbst zur Musik. Sprache denkt er vom Laut, vom Klang her, in ihm erblickt er die von der Zivilisation verdeckten Urwurzeln des »natürlichen Sprachausdruckes«, in denen das Unwillkürliche bewahrt liege. Die Entstehung des Wortes glaubt er mit der »Notwendigkeit des ursprünglichsten Empfindungszwanges des Menschen« angesichts eines Gegenstandes begründen zu können; Stoff dieses »Empfindungszwangs« ist »der tönende Laut«. Die Bedeutung des Wortes sucht er im Laut gewordenen Affekt auf. Den ursprünglichen durch die Gegenstandswelt ausgeübten Empfindungszwang wiederherzustellen, hat Wagners Konstrukt der Synthese von Sprache und Musik zur Aufgabe.
Zu Beginn des Rheingolds führen die Rheintöchter diese Entstehung der Sprache aus dem Laut vor, stellen gleichsam die Verbindung der Sprache zur Natur her. »Weia! Waga! / Woge, du Welle, / walle zur Wiege! / Wagalaweia!« beginnt Woglinde, kaum Worte und syntaktisch eher Fragmentarisches hervorbringend. Die lebhafte melodische Gestaltung bringt das Naturhafte zum Ausdruck, indem Woglinde fast ausschließlich die akkordeigenen Töne des unterlegten Natur- bzw. Wellenmotivs singt, die ihrerseits wesentlich aus Dreiklängen ihr Material beziehen. Gleichwohl kann das Drama nicht auf begriffliche Signifikanz verzichten, erst sie vermag spezifische Inhalte zu benennen. Brüche zwischen dem Streben nach sinnlicher, unmittelbarer Vergegenwärtigung und unumgänglicher Reflexivität sind dem ästhetischen Konzept des musikalischen Dramas inhärent. Dessen war Wagner sich bewusst.
Gebärden bilden das dritte Element des musikalischen Dramas, sie werden sowohl auf der Bühne visuell, wie vom Orchester auditiv versinnlicht. Auch für musikalisierte Gebärden finden sich im Rheingold Beispiele. So markiert Wagner in der ersten Szene das Herannahen Alberichs durch die fallende Oktave a’-a in den Kontrabässen auf den unbetonten Zählzeiten. Den als B-Dur-Dreiklang gesetzten Natur- und Wellenmotiven unterlegt, wirken die Bässe wie ein Fremdkörper und setzen Alberichs humpelnden Gang um. Noch ehe er etwas zu unternehmen vorhat, wird Alberich zum Störenfried erklärt. Anschließend musikalisiert eine durch Häufung leiterfremder Töne dissonant wirkende e-Moll-Passage die Körperlichkeit des von den Rheintöchtern gelockten Nibelungen. Woglindes Spott »Prustend naht meines Freiers Pracht!« spricht aus, wohin die Aufmerksamkeit des Hörers zuvor gelenkt wurde. Zunächst setzt das Orchester das humpelnde Erklimmen des Riffs durch rhythmische Irritationen und Vorschläge in Klang um. Das Ausgleiten des Zwergs auf dem garstig glatten, glitschrigen Glimmer des Riffs vollziehen musikalisch die Violoncelli durch kleine chromatische Abwärtsbewegungen der 32-stel und anschließendes Abfangen. Um Alberichs Niesen musikalisch umzusetzen, wird der dumpfe Klang der tiefen Streicher und Fagotte durch Oboen und das Staccato der Hörner aufgehellt, das versehen mit Vorschlägen dem »quietschenden« Niesgeräusch nahekommt. Alberichs Text fungiert als Kommentar zu seinen Gebärden und den Gesten des Orchesters, »Feuchtes Nass / füllt mir die Nase! / Verfluchtes Niesen!«
Zwei Klangwelten prallen mit Rheintöchtern und Alberich aufeinander. Dabei sind weder die Rheintöchter gut, weil sie gut handeln würden – sie tun es nicht –, noch ist Alberich schlecht, weil er schlecht handeln würde – dazu wird er erst gebracht. Ihm gegenüber ist die vorgeblich herrschaftsfreie Natur nicht minder grausam als Herrschaft und Fluch, die er selbst ins Werk setzen wird. Gut oder schlecht sind Rheintöchter und Alberich jeweils, weil sie sich so anhören. Ästhetische Kriterien modelt das musikalische Drama zu ethischen. Sprachklang und Orchester versuchen, die Auffassungsweise der Inhalte zu lenken.
Die Handlung des Rings folgt einer Struktur, die in Wagners Denken zeitlebens konstant bleibt. Sie äußert sich in seinen Musikwerken nicht minder als in seinen Texten. Grob gesagt ist das Schema folgendes: Abkehr vom Ursprünglichen, vom eigenen Wesen hat immer Verfall zur Folge. Feinde des Reinmenschlichen gewinnen Macht und beschleunigen den Niedergang. Der infolgedessen entstandene defiziente Zustand kann nur durch Vernichtung beseitigt werden, durch die die ursprüngliche natürliche Einheit wieder hergestellt wird. Für die feindliche Position kommen in bunter Folge das Christentum, Römer, Franzosen, Juden in Frage – oder im Ring die Nibelungen. Um wen es sich jeweils handelt, ist von recht geringer Bedeutung, entscheidend ist, dass die gedankliche Struktur identisch bleibt und die Musik ebendiese Struktur klanglich umsetzt. Aufgrund der identischen Struktur können unter bestimmten Umständen die verschiedenen Geschichten aufeinander projiziert und miteinander identifiziert werden. Solcherweise wurden im Bayreuther Kreis die Opern Wagners mit seinem Antisemitismus, seiner Rassenlehre etc. verbunden. Der Komponist selbst gab dazu die Anleitung.
Im Rheingold entfaltet sich ein Konflikt zwischen der durch Unbeschwertheit, Schönheit und Liebe bestimmten Sphäre auf der einen, und der durch Herrschaft, Gold und Vertrag bestimmten auf der anderen Seite. Natur und Gesellschaft stehen sich antithetisch gegenüber. Die erste verspricht Glück und Heil, die zweite Verfall und Verderben. Alberich gelingt es durch den Verzicht auf Liebe, das von den Rheintöchtern gehütete Gold in ein Machtinstrument zu verwandeln. Damit zerstört er zugleich die Gegebenheiten, die deren Unbeschwertheit ermöglichte. Strukturell folgen die Handlungen, durch die Wotan die Götterherrschaft zu festigen gedenkt, demselben Schema. Fricka wirft es ihm in der zweiten Szene vor, »Liebeloser, leidigster Mann! Um der Macht und Herrschaft müßigen Tand verspielst Du in lästerndem Spott Liebe und Weibes Wert?« In dem Augenblick, da Wotan nach Macht und Ruhm strebt, entziehen sich ihm die eigentlichen Grundlagen der göttlichen Herrschaft, Liebe und Schönheit, verkörpert in der Gestalt Freias. Wotan und Alberich hoffen jeweils, durch List, Gewalt und Reichtum das Verlorene wiederzugewinnen. Sie scheitern beide, jedoch ist es nicht für beide dasselbe. Wotan versucht, dorthin zurückzugelangen, wo Alberich nie war. Weder besaß Alberich eine Chance auf Liebe, noch war er Teil der durch Schönheit gekennzeichneten Natur. Er hat nie dazugehört. Wiederum stellt die Musik die Verhältnisse klar, die Motive der Götterwelt bedienen sich der gleichen Klangmaterialen wie die der Wasserwelt des Rheins. Eine Ausnahme bildet die Chromatik Loges, der die Verbindungen zwischen den verschiedenen Sphären herstellt. Eine ähnliche Vermittlungsfunktion erfüllt Kundry im Parsifal – diese Figuren zu analysieren, wäre eine eigene Aufgabe.
Positive und negative Wertung hängen nicht so sehr von der Vernunft ab, sondern von den sinnlich erlebbaren, durch den Klang der von Sprache und Orchester erzeugten Differenzen, die nach Absicht Wagners unwillkürlich scheinen und die Hörer zu den entsprechenden Gefühlen zwingen sollen. Dies zu reflektieren war den von Wagner charismatisch Beherrschten kaum möglich. Längst sind jene Ideologien und Stereotype, denen der Ring zur Zeit seiner Entstehung korrespondierte, abgestorben. Erst die Distanz schafft die Möglichkeit zu einem interpretatorisch produktiven Umgang auch mit den schwierigen Aspekten der Kompositionen Wagners und erlaubt andere und freiere Deutungen. Gleichwohl mag die Problematik der wagnerschen Musikdramen auch ein Licht auf unsere eigene Zeit zu werfen, denn kaum je war das sinnliche Erleben auf eine solche Unzahl auditiv und visuell bewusst gestalteter Umgebungen verwiesen, wie heute. Ihre im Sehen und Hören erlebten Differenzen prägen das Fühlen, Denken und Handeln nicht minder als die Kompositionen Wagners – wohl eher stärker.
1 Max Weber: Geschäftsbericht, in: Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages, Frankfurt a. M. 1911, S. 58f.
2 Max Weber: Gesamtausgabe, Band II/7: Briefe 1911-1912, hrsg. von M. Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen, Tübingen 1998, S. 638.
3 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Auflage, Tübingen 1972, S. 657.
4 Richard Wagner: Oper und Drama, hrsg. und kommentiert von Klaus Kropfinger. Stuttgart 1984, S. 215.
5 Ebd., S. 216.
6 Ebd., S. 351.
7 Ebd., S. 276-279.
Diesen und andere Texte finden Sie im Programmbuch zu Wagners »Rheingold«.